Um das heutige Sardinien zu verstehen muß man für einige Augenblicke auf seine Geschichte zurückschauen, auf die Gegebenheiten, die das Land und die Leute geprägt haben: die Stille der Berghänge und Verlassenheit der Küsten, die angeborene Gastfreundlichkeit, das kristallklare Meer und all die wunderbaren Kontraste, in die der aufmerksame Beobachter Einblick gewinnt und die nie genug erkundet sein werden. Hier sei auf die einmaligen Kulturschätze hingewiesen, die die romanischen Kirchen in Sardinien darstellen oder die archäologischen Denkmäler der Nuraghen, außerordentliche Monumente aus Stein im XV Jhd v.Chr. erbaut, die Sie auf Schritt und Tritt treffen werden.
In einer vorchristlichen Epoche (ca. 1600-600 v.Chr) erlebte Sardinien seine wirtschaftliche und kulturelle Blüte: die nuraghische Zivilisation. Auf der ganzen Insel entstanden tausende von Wehrtürmen und hunderte von Siedlungen. In jener Zeit, also vor mehr als 3000 Jahren, wurden Behausungen aus Granit und megalithische Türme aus Stein gebaut, die wie ein Teil der karstigen Landschaft wirken, Sinnbild der Symbiose von Mensch und Natur. Überall auf der Insel findet man die Nuraghen. Bis auf wenige Ausnahmen ohne Zaun und Wärter, dienen sie oft ganz profan als Stall. Innen ist es dunkel. Die Steine sind groß und schwer, ihr Alter geht bis in die Erdurzeit zurück, als Sardinien schon längst aus dem Meer ragte und der italienische Stiefel noch Meeresgrund war.
Diese meisterhaften Festungsbauten verdeutlichen jedoch auch den kriegerischen Charakter der Nuraghenkultur. Die einzelnen Stämme oder Sippen waren offenbar trotz gemeinsamer Sprache und Kultur auch untereinander verfeindet. Die Nuraghenkultur blühte übrigens nicht in insularer Abgeschiedenheit auf, sondern entstand in regem wirtschaftlichem und kulturellem Austausch mit anderen mediterranen Kulturen.
Drei Elemente aus der Nuraghenzeit sind als architektonische Archetypen bis heute erhalten geblieben: Einfriedungen aus Natursteinmauern, “muri a secco”, der Kreis oder Halbkreis als Element der bäuerlichen Bauweise und der Naturstein, meist Granit, als Baumaterial.
Die aus der gleichen Epoche wie die Nuraghen stammenden Grabstätten werden Gigantengräber genannt. Den Eingang eines solchen Grabes bildet ein riesiger Monolithstein, oft über 4m hoch und mit Einritzungen verziert, das Grab selbst kann eine Länge von bis zu 10 m und mehr erreichen. Bis zu 100 Einzelgräber wurden in so einem tomba di giganti untergebracht, ganze Sippen fanden hier Platz. Bemerkenswert sind auch die nuraghischen Bronzefiguren, die sowohl Priester und Krieger aber auch das einfache Volk in seinen alltäglichen Verrichtungen darstellen.





